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  • AutorenbildLajescha Dubler

Die Kunst des gesunden Lebens

Spiritualität hat zuerst einmal gar nichts mit Religion oder Glauben zu tun. Es geht dabei um die Aussöhnung mit der eigenen Wahrheit. Die Anerkennung der eigenen Wirklichkeit und Begrenztheit.

Ich setze mich in der letzten Zeit vermehrt mit dem Begriff der Spiritualität auseinander. Nicht nur, weil mich die Thematik schon ein Leben lang begleitet, sondern vor allem auch, weil das Schlagwort vermehrt an mich herangetragen wird.

Spiritualität ist zu einem regelrechten Trendwort mutiert.

Zwar gibt es nach wie vor viele Menschen, die nichts damit anfangen können. Doch das Überangebot von Yoga-Kursen, Meditationsapps, Retreat-Reiseangeboten und spiritueller Literatur verdeutlicht, dass ein wachsendes Interesse in der Gesellschaft besteht. Morgens um 5 aufstehen um den Sonnengruss auszuführen oder eine Dankbarkeits-Meditation zu machen ist keine Eigenheit religiöser Gruppierungen mehr, sondern gehört schon fast zum guten Ton und wird gar als hippe Tugend angesehen. Vermehrt erhalte ich den Tipp: Hast du es schon mit Meditation versucht?

Ja, habe ich. Wie gesagt, das Thema beschäftigt mich schon lange. Es ist eine Praxis, die in allen Glaubensrichtungen vorhanden ist. Ebenso wie Fasten, Askese, Liturgie und vieles mehr. Umso mehr erstaunt es mich, welche Breitenwirkung diese Praktiken in jüngerer Zeit erlebt haben. Der religiöse Bezug kann definitiv nicht der Ausschlag dafür sein. Oder doch?

Ein junger Freund fragte mich vor kurzem: „Aber was ist denn nun Spiritualität? Für was brauche ich es?“

Im ersten Moment bin ich ein bisschen in Erklärungsnot geraten. Das Argument:

„Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch Spiritualität braucht , um langfristig ein erfülltes und sinnvolles Leben zu führen“, reicht bei einem 20-jährigen leider nicht. Und die Frage war gut und hat mich zum Nachdenken gebracht.

Was ist denn nun Spiritualität? Ich bin tatsächlich davon überzeugt - und je länger je mehr - dass wir alle Spiritualität brauchen und die meisten es auch suchen (ohne sich vielleicht bewusst zu sein).

Nur bin ich mit der heutigen oberflächlichen Darstellung von Spiritualität nicht ganz einverstanden. Die Tatsache, dass ich intensiv Yoga praktiziere (mittlerweile ja schon zum Schwitzsport mutiert), täglich meditiere, regelmässig faste und dankbar bin, heisst für mich noch nicht, dass ich Spiritualität lebe. Spiritualität geht meiner Meinung nach tiefer.

Ich glaube an eine Spiritualität von unten. Und diese hat zuerst einmal gar nichts mit Religion oder Glauben zu tun. Ich glaube, es geht dabei um die Aussöhnung mit der eigenen Wahrheit. Die Anerkennung der eigenen Wirklichkeit und Begrenztheit.

Spiritualität von unten hat etwas mit Demut zu tun. Demut im Sinne von der Haltung gegenüber mir selbst, meinem Gegenüber, der Natur, dem Universum, der Tatsache, dass ich nur ein kleiner Teil eines grossen Ganzen bin. Dass ich ein vergängliches Wesen bin und nur Besucher auf dieser Erde. Demut heisst auf lateinisch: Humilitas. Und dieses Wort wiederum kommt von ‚humus‘, Erde. Also die Aussöhnung mit unserer eigenen Erdhaftigkeit (A. Grün).

Ich finde dieses Bild wunderschön, bei aller Nüchternheit. Und ich glaube hier ist der Angelpunkt, wo wir alle ansetzen können und irgendwann sogar müssen: Wir können uns schon über andere erheben und denken, dass wir besser sind. Wir können der ewigen Jugend nachrennen, versuchen die Zeit uns untertan zu machen.

Wir können vor der eigenen Wahrheit lange davonrennen und all die Verletzungen, Enttäuschungen und unser Scheitern verdrängen. Aber letztendlich ist es ein Lauf gegen die Zeit, weil unsere Zeit begrenzt und endlich ist.

Anselm Grün nennt die Spiritualität ganz einfach „Die Kunst des gesunden Lebens“. „So leben, wie es unserem wahren Wesen entspricht. Unserem Körper, Geist und unserer Seele gerecht werden.“

Gesundes Leben heisst für mich, meine Bedürfnisse zu kennen und sie auch ausdrücken zu können. Gesundes Leben heisst für mich, meine Verletzungen, Enttäuschungen und mein Scheitern ernst zu nehmen und der Trauer darüber Raum zu geben. Gesundes Leben heisst für mich, meine Leidenschaften wahrzunehmen und die gesunden Seiten davon mit Begeisterung auszuleben. Gesundes Leben heisst für mich, nicht zu ignorieren, dass der Tag 24h hat, und dass mindestens ein Drittel davon fürs Ruhen gedacht ist. Gesundes Leben heisst für mich, allen Wesensteilen von mir (Körper, Seele, Geist) Beachtung zu schenken und sie in einem Gleichgewicht zu halten. Gesundes Leben heisst für mich achtsam mit meinen persönlichen Ressourcen, aber auch denen meiner Mitarbeiter, Freunde, Familie und der Natur umzugehen.

Wir können diese Aspekte ignorieren und damit auch die Frage, inwiefern Spiritualität einen Platz in unserem Leben hat. Zeitweise und stellenweise ist dies auch nur menschlich und Ausdruck davon, dass wir unsere Grenzen ausloten wollen und auch können.


Letztendlich können wir aber die Grenzen nicht permanent überschreiten, wenn wir nicht uns selbst, unsere Beziehungen und die Natur zerstören wollen.

Dort, wo wir an unsere Grenzen stossen, sind wir dazu eingeladen, uns wieder zurückzunehmen und nach innen zu schauen - dort wo mein wirkliches Ich mit all seinen Begrenzungen, Leidenschaften, Wunden, Wünschen und Bedürfnissen liegt. Auf diesem Weg beginnen wir letztendlich echte Spiritualität zu leben.


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