Schau mich an. Hör mir zu. Berühr mich.
- Lajescha Dubler

- vor 2 Tagen
- 9 Min. Lesezeit
Manchmal, wenn ich die Rolltreppe am Zürcher Hauptbahnhof runterfahre und die wartenden Menschen sehe, die fast ausnahmslos mit starrem Blick auf ihre Handys schauen, steigt ein dumpfes Unbehagen in mir auf. Wo sind wir gelandet? Ist das Gesellschaft im Sinne von Gemeinschaft? Diese universale Verbundenheit, von der man überall liest?

«Waren sie in der letzten Zeit in der Nähe von Flugzeugen?» Ich schaue die Ärztin etwas verwirrt an und meine dann lachend: «Ich bin ständig in der Nähe von Flugzeugen. Mein Tonstudio befindet sich in der Anflugschneise des Flughafens!» Sie reagiert unwirsch und meint: «Nein, IN einem Flugzeug!» Sie beginnt sichtlich die Geduld zu verlieren, weil ich ihr meine akute (Augen-)Entzündung zu wenig genau beschreiben kann. Ich wiederum bin nervös, weil mir unklar ist, was sie von mir hören will.
Die Ärztin, der ich an jenem Tag zum ersten Mal begegne, sitzt etwa 3m von mir entfernt am Computer. Ich sehe sie nur von der Seite, während sie mit monotoner Stimme meine Beschwerden abfragt und meine Antworten in den Computer eingibt. Je länger die Befragung dauert, desto unsicherer werde ich: Wieso sitzt sie so weit von mir entfernt? Wieso schaut sie mich nicht an? Wieso kommt sie nicht zu mir und wirft einen Blick auf meine Augen? Sie wird doch sicher gleich erkennen, wo das Problem liegt.
Irgendwann dreht sie sich zu mir und meint: «Also, wenn Sie nicht bereit sind zu kooperieren…!»
Ich bin perplex: Kooperieren? Ich gebe mir doch so viel Mühe mich auszudrücken. Offenbar reden wir völlig aneinander vorbei.
Etwas resigniert schlage ich vor: «Vielleicht ist es besser, wenn ich gehe.»
Sie schaut mich teilnahmslos an. Meine Antwort scheint sie wenig zu beeindrucken. Ich stehe kurzentschlossen auf und verlasse mit einer etwas erzwungenen, aber netten Verabschiedung die Arztpraxis. Ohne Untersuchungsergebnis.
Das universale Bedürfnis
Die Begegnung an jenem Morgen hatte mich aufgewühlt und beschäftigte mich über längere Zeit. Ich gehöre zu den Menschen, die den Fehler zuerst bei sich suchen. Aber irgendwo im Reflexions-Prozess kam ich ins Stocken: War es nicht die Aufgabe der Ärztin MIR zu helfen?
Wenige Wochen später lernte ich in einer Weiterbildung einen Arzt kennen. Er hatte arabischen Hintergrund, war äusserst feinfühlig und verwendete stets eine wunderbar bildhafte Sprache. In einem völlig anderen Kontext kamen wir auf die «Mission» des Arztes zu sprechen. Er meinte:
«Alle Menschen kommen letztlich wegen demselben Bedürfnis in meine Praxis. Sie möchten gesehen, gehört und berührt werden. Diesem Bedürfnis entgegenzukommen ist mein Auftrag.»
Seine einfachen und bescheidenen Worte berührten mich tief. Das Gespräch entwickelte sich von dort weiter: Ist das nicht das Grundbedürfnis von jedem Mensch – unabhängig von seinem gesundheitlichen Zustand?
Schau mich an! Hör mir zu! Berühr mich!
Schau mich an.
Es ist heutzutage durchaus möglich, ohne direkten Blickkontakt mit unseren Mitmenschen durch den Tag zu gehen. Manchmal, wenn ich die Rolltreppe am Zürcher Hauptbahnhof runterfahre und die wartenden Menschen sehe, die fast ausnahmslos mit starrem Blick auf ihre Handys schauen, steigt ein dumpfes Unbehagen in mir auf. Wo sind wir gelandet? Ist das Gesellschaft im Sinne von Gemeinschaft? Diese universale Verbundenheit, von der man überall liest?
Doch es geht mir ja ähnlich. Wenn ich mich in der Stosszeit auf einen der wenigen freien Plätze pferche, kommt es mir selten in den Sinn, mein Gegenüber direkt anzuschauen. Manchmal gelingt es mir – besser gesagt: ich überwinde mich. Dann bin ich immer wieder erstaunt, wie bereitwillig die Menschen zurück lächeln. Egal, ob es die pensionierte Wanderin oder der abgelöscht wirkende Teenager ist. Oft scheinen sie fast erleichtert zu sein, berührt. In diesen Momenten denke ich: Es braucht so wenig, dass die Sonne auch in der überfüllten S-Bahn aufgeht. Der frühe Morgen fühlt sich plötzlich heller an. Der vor mir liegende Tag mit all seinen Sorgen und Nöten irgendwie leichter und vor allem: sinnerfüllter.
Schau mich an!
Die Augen sind der Spiegel der Seele. Wenn wir einander nicht mehr anschauen, werden wir zu einer seelenlosen Gesellschaft.
Eine Gesellschaft, die den anderen nicht mehr wahrnimmt, wird empathielos. Wir sehen nicht mehr die Bitte, das Suchen oder die Not in den Augen des Gegenübers. Wir werden blind.
Die Forschung zeigt, dass das Vorlesen und Anschauen von (Bilder)-Geschichten entscheidend für die Entwicklung von Kindern ist. Indem sie sich mit den Figuren auseinandersetzen – sie BETRACHTEN und ANSCHAUEN – beginnen sie sich zu solidarisieren und lernen, die Gefühle anderer verstehen und mit Mitgefühl zu reagieren. Der Elefant oder der Zwerg – neue, fremde Gestalten – werden plötzlich zu Freunden, Verbündeten, mit denen man leidet, weint oder sich freut. Es sind nicht mehr zwei Welten, zwischen denen eine unüberwindbare Kluft besteht, sondern sie verschmelzen.
Was wir bewusst anschauen, wandelt sich. «Schönheit liegt im Auge des Betrachters». Damit sind nicht nur Dinge, sondern auch Menschen gemeint.
«Das deutsche Wort Schönheit kommt von schauen. Wer andere liebevoll anschaut, der entdeckt ihre Schönheit. Schönheit ist kein äusseres Ideal, sondern hängt davon ab, wie wir uns anschauen. Das Gegenteil ist hässlich und stammt von hassen. Wenn ich jemanden hasse, dann finde ich ihn hässlich und werde dabei selbst hässlich.»
(Anselm Grün)
Es gibt keine hässlichen Menschen auf dieser Welt, wenn wir wirklich lernen zu SCHAUEN. Alles wandelt sich, wenn wir unseren Blick liebevoll und achtsam auf Menschen und Dingen ruhen lassen.
Hass hat damit zu tun, dass wir unser Gegenüber nicht mehr liebevoll anschauen. Liebe ist kein Gefühl, sondern ein bewusster Akt. Ich schaue bewusst hin. Schaue den anderen bewusst an und entdecke dabei seine Schönheit.
Wenn wir die Menschen, die uns im Alltag begegnen, bewusst anschauen, beginnt sich unsere Sicht zu wandeln.
Der/die Fremde wird plötzlich zu einem Gegenüber, in dem wir erkennen: Da gibt es gar keine Kluft zwischen uns, keine Trennung. Wir sind gemeinsam unterwegs. Das Leben – mit all seinen Sorgen, Mühen, Fragen, Ängsten, Zweifeln, aber auch Freuden und Perspektiven – verbindet uns.
Viele Menschen weichen einem direkten Blick aus. Im Gespräch schweifen ihre Augen ständig ab. Dabei gibt es nichts schöneres als einen tiefen Blick in die Augen des Gegenübers. Wieso wir es trotzdem nicht lange aushalten? Weil es eben einen Teil unserer Seele freigibt und verletzlich macht.
«Wir können uns nur dann ein wenig erkennen, wenn wir uns einem anderen und für einen anderen eröffnen. Wem eröffnest du dich?»
(Michel Quoist)
Der Blick in die Augen des Gegenübers eröffnet uns, dass wir dieselben Bedürfnisse und Sorgen haben. Dass wir es beide wenig angenehm finden, im überfüllten Zug zu sitzen. Dass wir beide müde sind und schon erschöpft, wenn wir an den langen, vor uns liegenden Arbeitstag denken. Dass uns beiden die Dunkelheit und Kälte der Wintermonate zu schaffen macht. Dass wir letztlich beide Mensch sind. Diese Erkenntnis verbindet. Sie macht uns zu Freunden.
Hör mir zu.
Vor kurzem war ich beim Geburtstag einer lieben Freundin. Die Runde war buntgemischt und sehr lebendig. Schnell kam ich mit einem jüngeren Mann ins Gespräch, der mit Begeisterung von seiner Branche zu erzählen begann. Fast eine halbe Stunde tauschten wir uns angeregt über sein Fachgebiet aus, das mir zwar nicht völlig fremd, aber doch recht unbekannt war. Geduldig erklärte er mir die Zusammenhänge, die ich nicht verstand (und das waren etliche). Am späteren Abend, als er schon gegangen war, meinte meine Freundin zu mir: Wie schön, dass ihr ins Gespräch gekommen seid. Er hat es sicher sehr geschätzt, dass ihm jemand zugehört hat!
Auch diese Aussage stimmte mich nachdenklich. Sollte das nicht der Kern jeder Begegnung sein? Einander zuhören?
«Wenn es um Verbindung zwischen Menschen geht, ist das Wichtigste das Hinhorchen. Wirklich im Augenblick da zu sein.»
(David Steindl-Rast)
Ich erlebe es oft, dass mich Menschen in der Begegnung «zutexten». Der Redeschwall versiegt über Stunden nicht und wenn ich einmal kurz das Wort ergreife, ist es bald wieder beim Gegenüber. Manchmal frustrieren mich solche Begegnungen, weil es für mich kein wirkliches Gespräch, sondern eben «nur» ein Zuhören ist. Doch je länger je mehr stelle ich fest:
Das Bedürfnis gehört zu werden ist gross - und die Angst, NICHT gehört zu werden noch viel grösser.
Deshalb reden viele Menschen schnell, ohne Pause, damit ihnen niemand ins Wort fällt, das Wort «wegnimmt». Dieses übersteigerte Mitteilungsbedürfnis ist selten reiner Egoismus sondern wurzelt oft in der schmerzvollen Erfahrung der Vergangenheit, nicht gehört worden zu sein.
Hör mir zu.
Aktives Zuhören braucht Energie. Je überfrachteter mein Alltag ist, desto weniger bringe ich die Energie für liebevolles, achtsames Zuhören auf. Das beginnt schon beim Partner, in der Familie, dehnt sich auf den Freundeskreis und das Arbeitsumfeld aus. Unser Alltag ist meistens überfrachtet. Eine (über)volle Agenda gehört zum guten Ton in der heutigen Gesellschaft. Vieles, was wir tun, ist hektisch, unter Zeitdruck und immer schon mit Blick auf den nächsten Task. Gleichzeitig fällt es uns zunehmend schwerer, die Aufmerksamkeit bewusst auf etwas ruhen zu lassen. Wenn wir zuhören, sind wir innerlich oft auf der Zielgerade, schon beim (unbewussten) Ausarbeiten unserer Antworten, beim Entwickeln weiser Rat-SCHLÄGE. Oder schlicht und einfach: Göschenen – Airolo. (liebe deutsche und österreichische Leser: das ist ein CH-Sprichwort). Eine mir sehr nahe Person meinte einmal unwillig, als ich meine Gedanken zu ihrer Problematik äusserte: Ich will keine Ratschläge von dir! Ich will, dass du mir zuhörst!
Zuhören ist ein Akt der (Nächsten-)Liebe. Des Innehaltens. Ein sich Abwenden von meinen eigenen Sorgen und Nöten und sich dem Gegenüber zuwenden.
Wenn mir jemand aufmerksam zuhört, fühle ich mich wertgeschätzt und gesehen. Wir alle sehnen uns danach. Vielleicht können wir uns dieses grosse Geschenk öfters machen.
«Liebe heisst immer: sich selbst verlassen, um zu den anderen zu gehen…»
(Michel Quoist)
Berühr mich.
Ich erinnere mich an einen Spaziergang mit meinem Mann vor vielen Jahren. Es war kalt und windig. An einer Stelle blieben wir stehen und er strich mir mit der Hand übers Gesicht. Über die Wange. Es war eine ganz einfache, zärtliche Geste. Das Gefühl, dass mir in diesem Moment durch den ganzen Körper ging, war unbeschreiblich. Es war keine romantische oder erregende Berührung. Aber etwas, das ganz tief ging.
Ich habe viel über diesen Moment nachgedacht. Unsere Medien sind voll von Sex, Erotik und Lust. Aber wie oft berühren wir uns so, dass es wirklich BERÜHRT? Nicht, weil wir unsere eigene Befriedigung suchen, oder ein eigenes Bedürfnis stillen wollen, sondern einfach, um es dem anderen zu schenken?
Die Geste damals hatte etwas kindliches. Wir streichen einem kleinen Kind über die Wange, liebkosen es. Aber einem Erwachsenen? Tatsächlich beförderte mich dieser kurze Moment zurück in die Kindheit. Gleichzeitig wurde mir bewusst: Dieser (kindliche) Wunsch, berührt zu werden, bleibt tief in uns. Er verschwindet nicht mit dem Erwachsen- und Älterwerden. Auch wenn wir oft so tun, als hätten wir es nicht (mehr) nötig. Bei vielen von uns ist die natürliche Körperlichkeit einfach (tief) verschüttet. Wie oft schon habe ich gehört: «Ich bin nicht so der Typ, der gerne umarmt.» Oder: «Bei uns in der Familie zeigen wir’s halt nicht über die körperliche Nähe.»
Die Wahrheit liegt wahrscheinlich eher dort, dass wir’s verlernt oder gar nie gelernt haben. Dass es unsere Eltern schon nicht bekamen, und sie es deshalb auch nicht an uns weitergeben konnten. Mal ganz ehrlich: Wir sind eine unterkühlte Kultur. Wir halten gerne Distanz. Zu viel Körperlichkeit empfinden wir als bedrohlich oder suspekt.
In vielen Kulturen ist das ganz anders. Man umarmt sich herzlich und oft, hält sich die Hand beim Spazieren, verteilt grosszügig Küsse. Und das nicht, weil man ein Liebespaar oder eine Familie ist. Sondern weil man befreundet ist, oder die Freunde meiner Freunde auch meine Freunde sind. So einfach ist das.
Im letzten Jahr unserer aktiven Zeit als Band hatten wir einen jungen Musiker mit auf Tour. Er kam aus einer Familie, die einen sehr unbefangenen und natürlichen Umgang mit Berührung pflegte. Als er mich das erste Mal umarmte, meinte er trocken: «Du musst lernen INNIG zu umarmen.» Ich habe vieles von ihm gelernt, aber das ist mir am meisten geblieben:
Wenn schon umarmen, dann aber richtig. Den anderen spüren. Nicht gleich wieder loslassen, sondern einen Moment innehalten und sich ganz hineingeben.
Eine innige Umarmung geht tief in den Bauch und ist heilsam.
Körperliche Nähe ist gut für die Gesundheit. Das ist schon längst erwiesen. Das heisst aber auch, zu viel Distanz hat negative körperliche und emotionale Folgen. Der Mangel an körperlicher Berührung kann zu Einsamkeit und Depression führen. Einsamkeit und Depression hat in unserer westlichen Hemisphäre rapide zugenommen. Besteht hier vielleicht ein Zusammenhang zu dem Mangel an Berührungen?
Am meisten leiden wohl die älteren Menschen - in Spitälern, Altersheimen. Eine stille Not, die so einfach zu beheben wäre. Die Hand des anderen halten, anstatt steif im Besucherstuhl zu sitzen. Oder eben: Beim Abschied übers Gesicht streichen, und dort anknüpfen, wo wir in der Kindheit stehen geblieben sind.
Die Not hat sich durch und seit Corona verstärkt. Wir sind vorsichtiger geworden mit Berührungen im Alltag. Dabei würden sie wahrscheinlich viel Heilsames bewirken. In der kirchlichen Tradition gibt es ein schönes Ritual, das «Friedensgruss» heisst. Der Pfarrer fordert die Gemeinde auf, einander «ein Zeichen des Friedens» zu geben. Früher schüttelte man sich die Hand. Seit Corona verzichten viele darauf, halten die Hände vor der Brust gefaltet und nicken einander (höflich) zu. Für mich ist es ein beklemmender Ausdruck der wachsenden Distanz in unserer Gesellschaft. Dabei wohnt gerade diesem Ritual eine Religions-übergreifende Symbolik und (Heil-)Kraft inne:
Ich wende mit dem Fremden neben mir zu. Ich SCHAUE ihn bewusst an. Ich BERÜHRE seine Hand und HÖRE die wunderbaren Worte: «Friede mit dir!»
Das bewusst ausgeführte Ritual drückt für mich aus:
Ich will dich anschauen. Ich will dir zuhören. Ich will dich berühren.
Das ist kein kirchliches Credo. Das ist lebensnotwendiger Bestandteil eines friedlichen und sinnerfüllten Miteinanders.
«Du kannst am meisten jemandem eine Freude machen, wenn du in der Begegnung wirklich da bist. Aufmerksamkeit, Zuwendung schenkst. Wenn du einem Menschen deine Präsenz schenkst. Das ist die höchste Form des Schenkens. Du selbst bist das ultimative Geschenk. Die Welt braucht keine neuen Dinge. Sie braucht dich!»
(Melanie Wolfers)




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