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  • AutorenbildLajescha Dubler

Wenn der Sommer zu Ende geht ...

“Immer wenn der Mais im Feld hochschiesst, befällt mich eine gewisse Wehmut, weil ich daran erinnert werde, dass der Sommer bald vorbei ist.”


Manche Dinge werden einem erst bewusst, wenn man von Aussen darauf hingewiesen wird. So wie das mit dem Mais. Ich wünschte, ich hätte diesen Satz nie gehört. Seitdem befällt mich nämlich dieselbe Wehmut, wenn ich im August an den Feldern vorbeifahre. Wie kann das sein? Vor ein paar Wochen war da noch nichts, und jetzt steht der Mais plötzlich mannshoch.


Der Spätsommer erinnert mich immer wieder daran, dass man nichts festhalten kann.

Wenn die August-Tage plötzlich wie im Nu vergehen und sich alles in ein tiefes Gold verwandelt, dann denke ich oft: Es ist wieder einmal Zeit Abschied zu nehmen.


Dabei möchte ich diesen Sommer noch gar nicht hinter mir lassen. Lieber festhalten, umarmen, nie mehr missen. Plötzlich bereue ich all die Momente, wo ich in den vergangenen Wochen nicht im Hier und Jetzt gelebt habe. Wo ich mit meinen Gedanken schon wieder weit vorne war und an die dunklen Wintermonate dachte.


Wenn der Sommer so unfassbar schön ist wie dieses Jahr, dann begreife ich einmal mehr: Wirkliches Leben spielt sich nur im Hier und Jetzt ab.

Jeden Moment, wo ich das nicht verinnerliche, verpasse ich etwas von der Schönheit, die mich gerade umgibt. Der wolkenlose blaue Himmel. Die lauschigen Abende neben dem Rosmarinbusch im Garten. Die Katze, die sich schon frühmorgens auf dem sonnigen Asphalt räkelt. Die vielen Geräusche und Farben in der Natur, die alle die eine Sprache sprechen: LEBEN.


Doch auch wenn mich das Sommerende mit Wehmut erfüllt, hat der Wandel der Jahreszeiten seinen Reiz. Die Veränderung, die sich in den Übergängen vollzieht, trägt eine Verheissung in sich: Indem etwas zu Ende geht, kann etwas Neues beginnen.


Viele kehren nach den Sommerferien mit Widerwillen zur Arbeit zurück. Zu verführerisch war die Dolce Vita der vergangenen Wochen. Auf die rundum gestellte Frage, wie es war, hört man oft: “Viel zu kurz, wie immer”. Und: „Schon nach ein paar Tagen ist man wieder im Alltagstrott und der ganze Erholungseffekt der Ferien ist dahin.“


Wir möchten das Gefühl der Unbeschwertheit und der Sorglosigkeit gerne festhalten.

Dieses “Shorts-Flip-Flop-Ich muss mir nie Gedanken machen, was ich anziehe, wenn ich aus dem Haus gehe”-Gefühl. Es steht für so vieles mehr - dieses Gefühl. Für ein paar Wochen nicht darüber nachdenken, was die anderen von mir wollen, denken, erwarten. Einfach leben, lachen, die Sonne auf der Haut spüren.


Weshalb fällt es uns so schwer, dieses Lebensgefühl in den Alltag mitzunehmen? Sind es einfach die äusseren Umstände? Der Druck? Die Erwartungen? Die vielen Rollen, die ich ausfüllen muss/will/soll/versuche?


Der Sommer geht irgendwann zu Ende. So wie jede Jahreszeit. Was ich hingegen behalten kann, ist das Lebensgefühl, das er mir vermittelt.


DIESES Lebensgefühl kann und will ich bewahren:
  • Im Hier und Jetzt leben. Jeden Moment im Bewusstsein, dass er nur einmal ist und nie wiederkommt.

  • Die Sonne aufs Gesicht scheinen lassen. Wieso den Kaffee im muffigen Aufenthaltsraum trinken? Wieso nicht mit dem Kollegen für ein paar (rauchfreie) Atemzüge an die frische Luft gehen? Wieso das Mittagessen nicht (warm eingepackt) auf der Terrasse geniessen? Solche kurzen "Lichtblicke" geben uns neue Hoffnung. Klarheit. Inspiration.

  • Natur. Nur weniges übertrifft das Lebensgefühl von einem Picknick oder Glas Wein in der freien Natur. Von einem Bialetti-Kaffee auf dem Gaskocher im Garten. Von unbeschwerten Stunden am Fluss, in den Bergen oder einfach bei einem Spaziergang durchs Quartier. Rauswandern aus Abhängigkeiten. Den Tag hinter mir lassen und in eine friedliche Nacht hineingehen.

  • Unkompliziert und unbeschwert sein. Viele ziehen nach den Sommerferien das Fazit: Eigentlich braucht es so wenig zum Leben und Glücklichsein. Nicht “eigentlich”. Es ist so. Nur vergessen wir es, sobald wir wieder in unserem konsum- und informationsüberfrachteten Alltag angekommen sind. Dabei ist es wahrscheinlich gerade diese Überfülle an allem, die unsere Lebensfreude und Unbekümmertheit im Nu wieder erstickt. Weniger ist mehr. Wir können uns täglich für Unkompliziertheit und Einfachheit entscheiden. Sie machen das Leben so viel lebenswerter.

  • Geniessen. Mir guttun und mich verwöhnen – es sind die kleinen Dinge, die zählen. Wieso auf das Wochenende oder die Ferien warten, bis ich mir Zeit für Auszeiten nehme? Etwas früher aufstehen und in Ruhe den Kaffee geniessen. Aus dem Fenster schauen und die ersten Sonnenstrahlen einfangen. Ein gutes Gespräch. Ein Glas Wein. Ein ausgedehnter Spaziergang vor dem Eindunkeln. Zeit zum Lesen und entspannen. Jeden Tag. Wenn auch nur für ein paar Minuten.

  • Erleben, Entdecken, zweckfreies Sein. Es regt unsere Sinne an. Es entfacht neue Begeisterung für das Leben in uns. Es weckt Kreativität und Inspiration. Diese magischen Momente kann ich auch im Alltag erleben. Sie warten darauf entdeckt zu werden.

  • Gemeinschaft. Auch wenn es nur kurze Momente sind im Alltag, verändern sie so vieles. Ein kurzer Austausch. Gemeinsam über etwas lachen. Zeit verbringen mit den Liebsten und mich vollkommen auf sie einlassen.

  • Gemächlichkeit und Ruhe. Ich mache in den Sommerferien immer wieder die Entdeckung, dass ich jeden Tag etwas langsamer laufe/unterwegs bin. Es ist einfach zu heiss für Hektik. Und sowieso: Es gibt nichts und niemanden, für den ich rennen müsste oder sollte. Auch das ist eine Entscheidung, die ich täglich neu treffen kann. Ich möchte Zeit und Ruhe haben. Für mich. Für dich. Für das Leben.

  • Staunen im Alltag. Im Sommer fällt uns das Staunen so leicht: die wunderschönen Sonnenuntergänge, die blühenden Wiesen, die imposante Bergwelt beim Wandern, das unwiderstehliche Rauschen des Flusses, alles Neue und Unbekannte, das wir auf unseren Reisen entdecken. Doch diese Wunder begegnen uns auch im Alltag. Sie sind immer um uns herum und warten darauf wahrgenommen zu werden. Dann wird das Leben erst richtig schön.


Wenn ich dieses Lebensgefühl bewahren kann, dann bleibt die Leichtigkeit in meinem Herz.

Dann ist jeder Tag mit Licht und Wärme gefüllt, auch wenn die äusseren Umstände vielleicht etwas anderes ausdrücken.


Ich wünsche uns allen einen mit Wundern erfüllten Sommerausgang, ein freudiges Hinüberschreiten in den Herbst und ein erwartungsvolles Zugehen auf die zweite Hälfte dieses Jahres.

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