top of page
Suche
  • AutorenbildLajescha Dubler

E wie Erwachsenwerden

Happy Birthday, Vanessa!


Du bist eine dieser wundervollen jungen Menschen, die es in den vergangenen Jahren so unerwartet in mein Leben hineinkatapultiert hat. Seit Anfangs Jahr arbeitest du für uns als Assistentin und machst unzählige Dinge im Hintergrund, die dann zum Beispiel auf dieser Plattform erscheinen. Es wird Zeit, dass ich dich der “Öffentlichkeit” vorstelle und heute scheint ein guter Tag dafür zu sein.

Eigentlich bin ich schon seit mehreren Wochen dran, meinen nächsten Post – F wie Freiheit – zu verfassen. Dein Geburtstag gibt mir jedoch Anlass, nochmals einen Buchstaben zurückzugehen. “E wie Erwachsenwerden” hast du dir damals von mir gewünscht - nun möchte ich diesem Wunsch nachkommen.


Vor kurzem war ich zu einer Party bei dir zu Hause eingeladen. Den anderen Anwesenden hattest du mich angekündigt mit: “Meine Chefin kommt dann auch noch.” Als deine gleichaltrigen Kolleginnen und Kollegen etwas irritiert reagierten, meintest du: “Sie ist 40, aber man merkt es im Fall nicht.” Ich habe mich sehr darüber amüsiert - vor allem, weil sich die Altersgrenzen (falls es die überhaupt gibt) in unserem Zusammensein immer wieder aufzulösen scheinen.


Erwachsenwerden – das stelle ich vermehrt fest – hat herzlich wenig mit dem Alter zu tun. Es ist vielmehr ein Phänomen, das sich in unzählige Lebensphasen und Prozesse zerlegen lässt.

Manchmal bin ich erstaunt, wie erwachsen eure Generation schon mit 20 rüberkommt. Ihr wisst unglaublich viel, bringt es mit der grössten Selbstverständlichkeit zum Ausdruck und scheut euch nicht davor, eure Wünsche und Ansprüche geltend zu machen. Da schreckt unsere Generation manchmal etwas zurück, weil wir noch gelernt haben, gutschweizerisch bescheiden zu sein, auf Sicherheit zu setzen und vor allem dem älteren Gegenüber nicht zu widersprechen.


Doch dann rührt es mich immer wieder zutiefst an, wenn ich merke, dass ihr uns eben doch zuhört, uns als eure Vorbilder wünscht und froh seid, wenn man euch hilft, Prioritäten zu setzen, Entscheidungen zu treffen oder Klarheit in die eigene Lebenssituation zu bringen.


So oft vergessen wir “Erwachsenen”, dass wir euch mit Authentizität, Lebenserfahrung und Weitsicht vorangehen sollten und Wegmarker setzen in dieser aufreibenden und verwirrenden Zeit.

Es fällt uns eben manchmal selbst nicht leicht, erwachsen zu werden oder zu sein. Damit meine ich: Achtsam zu sein mit den eigenen Ressourcen, Verantwortung für sich selbst zu ergreifen und ja zu sagen zu den Konsequenzen seiner Entscheidungen, kritikfähig zu sein und aus den eigenen Fehlern zu lernen, Mut zu haben, den eigenen Weg zu gehen, die eigene Identität nicht im Aussen und in der Bestätigung von anderen zu suchen, mutig zu den eigenen Bedürfnissen zu stehen, auch wenn sie vielleicht bei anderen auf Unverständnis stossen, Konfrontationen und Meinungsverschiedenheiten auszuhalten und immer wieder zu erkennen, dass die eigene Perspektive begrenzt ist und das Gegenüber eine andere Realität hat; verstehen, dass wir immer eine Wahl haben und wir selbst entscheiden können, Ja zum Leben und all seinen Herausforderungen zu sagen.


All das sind Entwicklungsaufgaben, mit denen wir schon in der Jugendzeit konfrontiert werden. Nur: abgeschlossen haben wir sie selten, sondern wir schlittern immer und immer wieder in dieselben Lernfelder hinein. Das ist grundsätzlich nicht schlimm, sondern menschlich. Schlimm ist nur, wenn wir nicht lernen, zu unseren Schwächen und unserer Verletzlichkeit zu stehen, sondern ein Leben lang versuchen, sie zu maskieren.


Im Aufeinandertreffen der Generationen beginnt diese Fassade oft zu bröckeln. Ihr haltet uns einen Spiegel vor. Nicht bösartig, sondern eher fordernd, fragend.

Ihr möchtet keine pfannenfertigen Antworten aus dem Lehrbuch, hinter denen keine authentische Persönlichkeit steht. Auch wenn wir es euch oft nicht zutrauen: ihr könnt mit Scheitern, Verletzlichkeit und Begrenztheit oft besser umgehen als wir.


So oft verwechseln wir Erwachsenwerden mit: Seriös und angepasst sein, nicht negativ auffallen, den Ernst des Lebens erkennen, aufhören Party zu machen, alles im Griff haben, immer zielorientiert und mit Plan durchs Leben gehen, sich gegen alle Unsicherheiten des Lebens und Älterwerdens abzusichern, Karriere machen, Familie gründen, den Traum vom Eigenheim verwirklichen, ein finanzielles Polster anlegen, auf alles eine Antwort haben, eine gefüllte (übervolle) Agenda vorweisen können, aufhören zu spielen, tanzen, lachen, singen, Blödsinn machen.


Vielleicht ist das der Grund, weshalb so viele von euch nicht erwachsen werden wollen. Weil ihr all diese Dinge an uns seht und glaubt, dass sie unvermeidlich zum Erwachsenenleben gehören. Dass irgendwann die Freude, die Unbekümmertheit, das Spielerische, und eben “das Leben” zwangsläufig zu Ende gehen. Ich weiss, dass mir viele Erwachsene vehement widersprechen würden.


Aber sind wir doch mal ehrlich: ganz unrecht hat die Jugend mit ihrem Bauchgefühl nicht. Und leider gibt die Gesellschaft ihrer Befürchtung recht: je länger je früher werden sie in diesen unvermeidlichen Sog hineingerissen, der so vieles vom wahren Leben erstickt.

Liebe Vanessa, ich kann dir keine abschliessende Antwort zur Frage geben: “Ja was heisst denn nun “Erwachsenwerden”? Ich bin selber in einem fortwährenden Prozess, wo ich Schritt für Schritt neue Antworten und Erkenntnisse finde. Eines aber weiss ich: das Leben ist mehr, als das, was ihr an uns seht. Und wenn ich einen Wunsch habe, dann den, dass wir uns wieder als Gemeinschaft und generationenübergreifend auf die Suche machen, dieses wahre Leben zu entdecken.


Ich wünsche dir, dass du auf diesem Weg ins “Erwachsenenleben” deine Unbekümmertheit und Neugier nicht verlierst. Dass du deine Spontaneität und Lebensfreude bewahren kannst und damit die Menschen in deinem Umfeld ansteckst. Ich wünsche dir, dass du lernst, zu deinen Bedürfnissen zu stehen, auch wenn sie vielleicht niemand anders mit dir teilt. Du bist eine wundervolle Person mit einer einzigartigen Persönlichkeit und du machst mit deinem Sein einen Unterschied in dieser Welt. Ich wünsche dir, dass du die Quelle findest, die deinen Lebenshunger stillen wird.


Von Herzen

Lajescha

111 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Brannte uns nicht das Herz?

Manchmal brennt unser Herz – voller Sehnsucht für das, was wir verloren glauben. Wir denken mit Trauer an vergangene Zeiten zurück und sind unfähig das Neue zu sehen, das sich aus den Trümmern erhebt.

Comments


bottom of page