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  • AutorenbildLajescha Dubler

Sommerzeit. Ferienzeit.

3 Campingstühle, eine Bialetti-Kaffeemaschine und ein endlos langer Tag, der sich vor uns ausbreitet.



Wir könnten früh aufstehen, die Wanderschuhe anziehen, die wunderschöne Gegend erkunden. Stattdessen sitzen wir einfach da. Trinken Kaffee, spielen ein bisschen Gitarre und geniessen die Langeweile. Die lange Weile. Zeit fürs Nichstun und vor allem Zeit für gute Gespräche. Manchmal belangloses Zeugs, aber je länger wir sitzen, desto tiefer gehen die Gedanken und desto einfacher und unverfälschter kommen die Worte über die Lippen.


Vielleicht ist es die Hitze, die uns jeden Widerstand nimmt etwas vorzuspielen, vielleicht die unberührte Natur, die es uns unmöglich macht, nicht echt sein zu wollen.

Vor allem aber ist es die Zeit. Zeit zuzuhören, nachzudenken, nachzufragen, unsere Herzen zu teilen.


Inmitten all dieser guten Gespräche, die mich mit so viel Zufriedenheit erfüllen, sinniere ich immer wieder über die Frage nach, die mich schon seit so langer Zeit beschäftigt:


Was ist denn ein gutes Gespräch?

Ein gutes Gespräch lässt mich mit dem Gefühl absoluter Befriedigung zurück. Dem Gefühl, dass ich nichts mehr brauche, weil es mir alles gegeben hat. Die Gelegenheit mein Herz zu teilen, weil mein Gegenüber mir zuhört und den Raum gibt zu Sein. Die Möglichkeit etwas Neues zu lernen, weil ich zuhören darf und ich mich im Andern vielleicht wiedererkenne oder er in mir einen lang festgesessenen Stein ins Rollen bringt. Vor allem aber das Wunder des gegenseitigen Vertrauens.


Der Moment, wo sich mein Gegenüber eine Träne aus den Augen wischt, weil sie oder er mir etwas anvertraut hat, das unerwartete Emotionen und Erinnerungen hervorruft. Das etwas ungläubige Staunen darüber und die Aussage: ‚ich weiss gar nicht, wieso mich das jetzt so mitnimmt.‘

Doch, mittlerweile glaube ich es zu wissen, weil ich diese Momente immer wieder erleben darf (auch bei mir selber), und ich sie mir in jeder (wahren) Beziehung herbeisehne. Es geht nicht darum auf die Tränendrüse zu drücken oder in der Vergangenheit wühlen zu müssen (auch wenn ich das gerne tue). Aber der Moment, wo wir uns in einem Gespräch so verletzlich zeigen dürfen, dass alles möglich wird und erlaubt ist, ist für mich unbezahlbar.


Diese Ebene von Vertrauen, wo wir keine Fassade aufrecht erhalten müssen, sondern ganz SEIN dürfen - hier beginnt für mich das gute Gespräch.

Diese Momente sind selten und sie entstehen immer seltener. Weil sie eben viel Zeit und Raum brauchen. Ferienzeit. Auszeit vom täglichen Gerenne und Gehetze. Wir brauchen innere Ruhe, damit wir zuhören können, sonst texten wir unser Gegenüber einfach zu. Irgendwann erinnern wir uns vielleicht daran, dass der Andere auch etwas zu sagen hat und fragen: ‚Ja, und was läuft bei dir?‘


Parallele Monologe sind keine Ausgangslage für ein gutes Gespräch. Leider laufen viele Gespräche im Alltag so ab. Monologe sind anstrengend, ermüdend und im besten Fall für kurze Zeit fesselnd.


Wie in allen Bereichen des menschlichen Lebens ist es letztlich das Miteinander, das uns weiterbringt, beflügelt, inspiriert, uns zum Nachdenken anregt, alte Wunden aufbricht und Verletzungen heilt.

Erst wenn wir uns verstanden fühlen, wenn wir die Empathie des Gegenüber spüren (und wiederum zurückgeben können), können wir ehrlich sein, ohne Angst vor Gesichtsverlust oder Scham. Ein gutes Gespräch zeigt uns, dass wir so oft mit dem gleichen kämpfen, ähnliche Herausforderungen oder Ängste und Zweifel haben. Im guten Gespräch können wir das zugeben. Wir müssen nicht mehr jedes Wort auf die Goldwaage legen, sondern dürfen einfach laut denken, laut lachen und manchmal auch laut weinen.


Und so vergeht der Tag. Es sind Stunden vergangen. Wir sitzen immer noch unverändert auf unseren Campingstühlen mit der Bialetti-Maschine und der Gitarre. Und doch hat sich etwas verändert. Wir sind uns selber und dem Andern ein Stück näher gekommen, haben Neues entdeckt, Altes verarbeitet, viel gelacht und ein bisschen geweint. Wir sind ermutigt, inspiriert, voller Energie und gleichzeitig innerlich zur Ruhe gekommen. Es war ein langes, gutes Gespräch.



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