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  • AutorenbildLajescha Dubler

Der rote Faden

Jede Geschichte hat einen roten Faden - auch unsere Lebensgeschichte. Vielleicht sollten wir sie mal aufrollen und uns rückbesinnen, was da alles war? Ob vielleicht nicht irgendwo auf dem Weg ein Erzählstrang ins Abseits geriet und verloren ging?

Neulich beim Frühstück mit meiner Mutter (Seltenheitswert!) - ich erzählte ihr begeistert von meinen verschiedenen neuen Projekten, und sie meinte ganz erstaunt: ‚So kenn ich dich gar nicht... du bist doch eine, die gerne für sich alleine ist und nicht unbedingt die Initiative ergreift.‘ Meine erste Reaktion (wie immer, wenn mir was nicht passt): ,Du hast keine Ahnung, du weisst gar nicht, wie ich wirklich bin!‘ Nach einigem Überlegen musste ich ihr jedoch rechtgeben. Stimmt, die letzten 10 Jahre waren - nebst der ganzen Öffentlichkeit in der Musik - eher einsam und zurückgezogen.

Doch dann erinnerte ich mich plötzlich: Eigentlich bin ich es doch! Früher habe ich immer die Initiative ergriffen, alle Kinder aus der Siedlung zusammengetrommelt und einen Klub nach dem anderen gegründet: den Rollschuhklub, den Zirkusklub, den Bastelklub, den Theaterklub uvm. Präsidentin war natürlich immer ich.

‚Stimmt...‘, meinte meine Mutter gedankenversonnen. Ach es ist so lange her.


Es gibt so viele Dinge, die in uns angelegt sind, aber irgendwo zwischen Kind und Erwachsenwerden verloren gehen. Die Natürlichkeit und Unbekümmertheit, mit der wir sie einst angegangen sind, bleiben irgendwo auf der Strecke und werden vom Wind verweht.

Vielleicht hat uns mal jemand ausgelacht, oder das Gefühl gegeben, besagte Fähigkeit sei uncool (aka mein Blockflötenspiel). Vielleicht sind wir irgendwo gescheitert und haben dann den Mut verloren, die Sache wieder aufzugreifen (aka der verpasste 1. Platz beim Landeswettbewerb für Jugend musiziert). Vielleicht war ich die einzige, die daran geglaubt hat, und irgendwann waren die Argumente der anderen doch stärker (aka ins Gymnasium zu gehen anstatt Musik zu studieren). Vielleicht war mir der Weg zu unsicher und unvorhersehbar und ich habe mich schliesslich doch an das gehalten, was meine Eltern oder mein Umfeld für gut und vernünftig befanden (aka die Lehrerausbildung, anstatt 100% auf die Musik zu setzen). ‚Yes, you can‘ und ‚Go for it‘ lassen sich eben schlecht ins Schweizerdeutsche übersetzen...

Aber so ganz wegdenken lassen sich diese Dinge eben doch nicht. Irgendwo schlummern sie tief in uns und machen sich dann und wann wieder bemerkbar. Manchmal auch nur in der latenten Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand.

Jede Geschichte hat einen roten Faden - auch unsere Lebensgeschichte. Vielleicht sollten wir sie mal aufrollen und uns rückbesinnen, was da alles war? Ob vielleicht nicht irgendwo auf dem Weg ein Erzählstrang ins Abseits geriet und verloren ging? Ich erlebe es immer wieder mal in einem Gespräch, dass mich mein Gegenüber plötzlich verträumt anschaut und mit wehmütiger Stimme meint: ‚Ach, ich hätte doch immer so gerne Klavier (z.B.) gespielt, aber meine Eltern haben es mir damals nicht erlaubt...‘ Wenn ich dann frage, wieso sie jetzt nicht damit anfangen, kommen immer die gleichen Aussagen: ‚Ach, ich bin doch schon zu alt.‘ oder ‚Ach, mir fehlt die Zeit dafür.‘ Ich habe diese Aussagen aus meinem Vokabular gestrichen. Sie hindern mich nur daran, etwas Neues zu wagen und vielleicht das zu entdecken, was schon lange auf mich wartet.

Eine meiner Lieblingsautorinnen (Brene Brown), betont immer wieder: ‚When we deny our story, it defines us. When we own it, we can write a brave new ending.‘

Seit ich begonnen habe hinzusehen, finde ich immer wieder etwas, von dem ich gar nicht mehr wusste, dass es mal war. Und wenn es nach wie vor in mir anklingt, gehe ich ihm nach. Vielleicht entdecke ich ja einen Schatz?

Das heisst ja nicht unbedingt, dass wir alle noch CEO, Rockstar, Fussballprofi oder Pilot werden müssen. Aber es sind doch oft die Schlüsselkompetenzen dahinter, die nicht in unserem Leben integriert sind. Zwar wurde dieser Begriff im vergangenen Jahrzehnt fast inflatiös gebraucht. Mir scheint jedoch, dass wir den tieferen Sinn nicht wirklich erfasst haben. Es sind letztendlich jene Kompetenzen, die Schlüssel zu unserem Herzen und unserer Identität sind. Nur allzu oft haben wir diese Schlüssel verlegt und aufgehört danach zu suchen. Diese Dinge, die uns einzigartig und wertvoll machen. Die Dinge, die uns von der Masse abheben und mit denen wir einen Unterschied in dieser Welt machen. Die Dinge, bei denen unsere Augen zu strahlen beginnen, unser Herzschlag sich beschleunigt und unsere Begeisterung auf andere überschwappt.

Ich habe aufgehört meine eigene Geschichte zu verleugnen - ich will sie lieber anschauen.

Damit meine ich alle Seiten darin, auch die schwierigen und peinlichen Kapitel, die ich lieber vergessen würde. Seit einiger Zeit habe ich begonnen eine Fortsetzung zu schreiben. Ein Prozess, der hoffentlich noch lange andauert. Ich weiss aber jetzt schon, dass das Ende mutig und unerwartet sein wird.

Das Beste kommt noch.


176 Ansichten1 Kommentar

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1 Comment


albert.keel
Jul 15, 2021

Das Beste kommt noch.“ Das ist doch mal eine Ansage. Bin gespannt und freu mich drauf.

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