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  • AutorenbildLajescha Dubler

C wie Corona

Ich habe diesen Text vor einem Jahr zum ersten Mal veröffentlicht.

Er hat für mich nach wie vor dieselbe Relevanz, wenn nicht sogar eine höhere Dringlichkeit.



Ich habe keine Angst vor Corona. Angst machen mir ganz andere Dinge:

Dass wir immer beziehungsärmer werden und es uns nicht eingestehen wollen.


Dass immer mehr (junge) Menschen dem Druck der Gesellschaft nicht mehr standhalten können und in einer psychiatrischen Klinik landen.


Dass wir Geschichte aus unseren Lehrplänen streichen und meine Schüler nicht mehr wissen, was der Holocaust war.


Dass wir inmitten aller Digitalisierung und Aufrüstung fürs Homeoffice noch mehr vereinsamen und uns isolieren.


Dass wir immer länger leben wollen und verdrängen, dass der Tod Teil unseres Lebens und unvermeidlich ist.


Dass wir in dieser Krise nicht die wirklich wichtigen Themen anschauen, die unsere Gesellschaft herumtreiben: Umgang mit Krisen und Unsicherheit, Angst vor der Zukunft und dem Sterben.


Dass wir immer weniger (konzentriert) lesen und dadurch die Fähigkeit verlieren, kritisch zu denken und andere Perspektiven einzunehmen.


Dass wir uns nicht mehr als Menschen begegnen, sondern zu einer undefinierbaren Masse von potentiellen Krankheitsüberträgern mutieren.


Dass die menschliche Wärme und das Wir-Gefühl immer mehr abnehmen.


Dass die Mülleimer am Bahnhof mit Einweg-Masken überquellen und wir vergessen, dass es auch noch andere globale Probleme als nur Corona gibt.


Dass wir krampfhaft versuchen, uns vor jeglicher potentieller Gefahr abzusichern und dadurch verpassen, im Jetzt zu leben.


Dass wir inmitten all der Toleranz-Debatten den anderen je länger je weniger stehen lassen können.


Trotz all dem...

Ich habe Hoffnung, dass es immer noch Menschen gibt, die einander in die Augen schauen und sich mit Würde und Menschlichkeit begegnen.


Ich habe Hoffnung, dass wir im kleinen Kreis beginnen, über unsere Ängste, Sorgen und Nöte zu reden und sie nicht länger verdrängen.


Ich habe Hoffnung, dass wir uns wieder Zeit nehmen für echte und wahre Beziehungen, wo wir aktiv zuhören und gehört werden.


Ich habe Hoffnung, dass wir uns gegenseitig wieder ausreden lassen und die Meinung des anderen respektieren, auch wenn wir sie nicht teilen.


Ich habe Hoffnung, dass wir wieder dankbar sein können für die schönen Momente in unserem Alltag.


Ich habe Hoffnung, dass wir unseren Jungen wieder Vorbilder sein können und ihnen als Wegweiser und Väter und Mütter zur Seite stehen.


Ich habe Hoffnung, dass wir trotz aller Digitalisierung die Faszination der realen Welt und der Dinge, die man anfassen und spüren kann, wieder neu entdecken.


Ich habe Hoffnung, dass wir uns irgendwann wieder innig und ohne Angst umarmen können.


Ich habe nicht nur Hoffnung...


Ich möchte auch ein Hoffnungsträger sein.



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